Die Werkzeuge des Autors: der Bewusstseinsstrom

BildEin guter Text lebt davon, nicht nur das Sichtbare für den Leser sichtbar zu machen, sondern ihn gleichermaßen an der Innenwelt seiner Figur teilhaben zu lassen. Dadurch wird eine Geschichte glaubwürdiger und spannender.

Die Innenwelt einer Figur lässt sich mit Hilfe des inneren Monologs und des Bewusstseinsstroms erzählen. In manchen Schreibratgebern werden diese Begriffe synonym verwendet. Doch üblicherweise werden sie voneinander abgegrenzt:

Empfindungen, Wahrnehmungen, Reflexionen in Fragmenten

Inhaltlich lässt sich der Bewusstseinsstrom (auch „stream of consciousness“) vom inneren Monolog dadurch abgrenzen, dass beim Erstgenannten assoziativ verknüpfte Bewusstseinsinhalte aufeinanderfolgen und dabei „Empfindungen, Ressentiments, Erinnerungen, sich überlagernde Reflexionen, Wahrnehmungen und subjektive Reaktionen auf Umwelteindrücke ungeschieden durcheinander gleiten“ (vgl. Metzler Literatur Lexikon, 1990, 2. Auflage, S. 446).

Die Figur teilt ihre Wahrnehmungen und Eindrücke, Empfindungen und Reflexionen in Form von Fragmenten und Gedankensprüngen mit. Typisch für einen Bewusstseinsstrom ist die fehlende Zeichensetzung. Lediglich Gedankenstriche werden als Hilfsmittel eingesetzt.

Der Erzähler der Story ist während des Bewusstseinsstroms übrigens nicht präsent, da  ausschließlich die Innensicht der Figur mitgeteilt wird. In der Entscheidung, ob die Gedankenströme der Figur in der Ich-Form geschrieben werden oder nicht, ist der Autor frei.

Nur sparsam einsetzen!

Die Methode des Bewusstseinsstroms sollte wohlüberlegt und sparsam eingesetzt werden. Es gibt Romane, in denen lange oder häufige Bewusstseinströme durchaus Sinn machen. Doch die Gefahr ist groß, dass ein Text zu monoton und der Leser damit gelangweilt wird, wenn der Autor unangemessen häufig mit dieser Methode arbeitet.

Der Bewusstseinsstrom – Paradedisziplin des James Joyce in Ulysses

Wer die Methode des Bewusstseinsstroms näher kennen lernen möchte, sollte sich mit dem letzten Kapitel von James Joyce‘ Werk Ulysses beschäftigen. James Joyce ist der wohl bekannteste Autor, der mit Hilfe des Bewusstseinsstroms Molly Blooms Innenwelt auf eindrucksvolle Art und Weise vorgeführt hat.

Beispiel aus dem Ulysses (S. 941, Frankfurt 1991): 
„… wenn er mal Nasenbluten hat könnte man glatt denken die Welt geht unter und die Jammermiene an der South Circular wie er sich den Fuß verstaucht hatte auf dem Chorausflug zum Sugarloaf Mountain an dem Tag wo ich das Kleid anhatte Miss Stack brachte ihm Blumen die schlechtesten und ältesten die sie bloß auftreiben konnte die würde werweißwas anstellen um bei einem Mann ins Schlafzimmer zu kommen die mit ihrer Altjungfernstimme …“

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