„Die erste Fassung ist immer Scheiße.“ – Überarbeiten ist der Schlüssel zum Erfolg

Noch nie hat es eine Zeit gegeben, in der Autoren so viele Möglichkeiten hatten, ihre selbstgeschriebenen Texte zu publizieren. Selbstverlage, Blogs, E-Books, Internetportale – mit der digitalen Revolution haben sich für Autoren so viele Chancen ergeben wie nie zuvor. ,Wir leben in einer guten Zeit für Autoren‘, so der irische Autor David Gaughran. Das ist richtig – doch diese Entwicklung hat auch ihre Schattenseiten: da quasi jeder, der des Schreibens einigermaßen mächtig ist, ein Buch herausbringen kann, wird der Büchermarkt geradezu überschwemmt von Produkten, in denen zahlreiche Rechtschreib- und Logikfehler vorhanden oder die ganz und gar inhaltsleer sind.
Der Grund: viele Autoren dieser Bücher schreiben ihre Gedanken nieder und, glückselig, die Arbeit endlich beendet zu haben, überarbeiten sie ihren Text nur sporadisch (wenn überhaupt).
Viel zu schnell geraten die Texte in den Druck oder ins weltweite Netz – und gehen aufgrund ihrer schlechten Qualität in der Masse unter. Diese Autoren bedenken nicht, was Ernest Hemingway mit „Die erste Fassung ist immer Scheiße.“ auf den Punkt brachte: Texte müssen überarbeitet werden, um wirklich gut zu sein.

Wenn der Korrekturimpuls den Flow stört

Unerfahrene Autoren haben die Angewohnheit, ihre Texte während des Schreibens zu verbessern. Sie lesen permanent zurück und korrigieren während der Rohtextphase. Der letzte Satz gefällt nicht – er wird gelöscht. Das Wort wurde schon einmal verwendet – ein Synonym wird gesucht. Dieses Vorgehen ist jedoch ineffektiv:
1.) Der Korrekturimpuls während des Schreibens stört den Schreibfluss und verstärkt den inneren Kritiker; Schreibprobleme können entstehen.  

2.) Mit dem Hintergedanken, seinen Text bereits während der Schreibphase korrigiert zu haben, hält so mancher Autor die Phase des Überarbeitens für überflüssig. Die Folge ist, dass der Text mit weniger Aufmerksamkeit und Energie überarbeitet wird, als es eigentlich notwendig ist.  

3.) Durch das permanente Unterbrechen des Schreibflusses gerät der Kreativitätsfluss des Autors ins Stocken.

Getrennte Wege: Schreib- und Überarbeitungsphase

Schreibforscher empfehlen stattdessen, die Überarbeitungsphase von der Schreibphase zu trennen: Zunächst wird ein Rohtext verfasst. Der Autor schreibt seine Gedanken nieder, und achtet dabei weder auf Orthografie, Zeichensetzung oder Wortwiederholungen. Er produziert einen Rohtext, ohne sich an Seitenzahlenvorgaben zu messen oder sich von vermeintlich schlechten Formulierungen abhalten zu lassen.

Erst nach dem Schreiben erfolgt die Korrekturphase, in der sich der Autor kritisch mit seinem eigenen Rohtext auseinandersetzt: Überflüssiges wird gestrichen, ganze Passagen neu geschrieben. Der amerikanische Autor William Zinsser geht davon aus, dass die meisten Erstfassungen bis zu 50 Prozent gekürzt werden könnten, ohne dass Informationen verloren gehen. Das führt uns wieder zu Ernest Hemingways Aussage zurück (s. o.). Wer Wert darauf legt, einen qualitativ hochwertigen Text zu schreiben, muss ihn mehrfach überarbeiten. Bei den wenigsten Autoren ist die Erstfassung perfekt.

Überarbeiten ist zeitaufwendig

Das Ausmerzen von Rechtschreibfehlern, das Ersetzen von Wiederholungen, das Streichen von Phrasen – all das gehört zum Überarbeiten eines Textes. Doch damit ist es nicht getan: Darüber hinaus bedeutet „Überarbeiten“, seinen Text nochmals zu überdenken, bei Bedarf erneut zu strukturieren, ganze Szenen oder Kapitel  umzuschreiben oder gar zu löschen. Überarbeiten bedeutet, sich mit dem eigenen Text auseinanderzusetzen – im Allgemeinen und im Besonderen.
Das eigene Manuskript auf mehreren Ebenen zu verbessern ist zeitaufwendig und anstrengend – aber genau das macht den Schriftstelleralltag aus, wie erfolgreiche Autoren zeigen: Die amerikanische Pulitzerpreisträgerin Jennifer Egan schreibt einzelne Textpassagen bis zu 20-mal neu, Literaturnobelpreisträger Hemingway soll allein die letzte Seite seines Romans „In einem anderen Land“ 39-mal umgeschrieben haben.Überarbeiten ist zeitaufwendig

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2 Gedanken zu “„Die erste Fassung ist immer Scheiße.“ – Überarbeiten ist der Schlüssel zum Erfolg

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