Gastartikel von Susanne Drothler: Parklücken im Milchschaum

Ein großer Traum von mir ist es, einmal in einem traditionellen, alten Wiener Kaffeehaus zu schreiben. Diese besondere Atmosphäre, die dort herrscht, hat mich schon als Kind erfasst, als ich mit meiner Familie ein solches Kaffeehaus in Wien besucht habe. Natürlich gibt es die Kaffeehauskultur auch in anderen europäischen Städten, auch in Deutschland, doch ich verbinde ein Kaffeehaus immer mit Wien.
Knarrzende Holzdielen, alte Schwarzweißfotografien, der Duft von frisch gemahlenem Kaffee. Alte Erinnerungen. Ich möchte stundenlang an einem nostaligischen Tisch sitzen, meinen Blick umherschweifen lassen, andere Menschen, vielleicht sogar Autoren beobachten, einen Latte Macchiato nach dem anderen trinken und schreiben und schreiben und schreiben. Besonders toll ist an einem Kaffeehaus ja, dass man sitzen darf. Man muss nicht aufspringen, sobald man ausgetrunken und aufgegessen hat. Sondern man darf sitzen und bleiben. Oh, was für eine schöne Vorstellung, oder?

Für viele Schriftsteller sind Kaffeehäuser das zweite Zuhause geworden. Es gibt sogar die Bezeichnung „Kaffeehausliteratur“ für die literarischen Werke, die überwiegend in einer solch gemütlichen Institution verfasst wurden. Es gibt viele Autorinnen und Autoren, die ihr tristes Zimmerlein gegen die heimeliggeschäftige Atmosphäre eines Kaffeehauses eingetauscht haben. Ich kann es verstehen. Aber dazu später vielleicht einmal mehr. 🙂

Eigentlich wollte ich ja den Gastbeitrag von Susanne Drothler einleiten. Susanne hat mir in einer Mail eher beiläufig erzählt, dass sie gern in Kaffeehäusern schreibt. Sie trifft sich dort „regelmäßig mit ein paar anderen Schreibbegeisterten in einen Café, wir tauschen dabei Gedanken und Erfahrungen aus, diskutieren Schreibstile und Genres, wir trinken Kaffee, beobachten und plaudern … und wir schreiben.“ Da habe ich natürlich gleich aufgehorcht und mal angefragt, ob sie für Schreibretreat einen kleinen Erfahrungstext schreiben würden. Und siehe da, sie hat es gemacht! Und darüber freue ich mich wirklich außerordentlich. Für mich, weil ich kurz in die Welt der Kaffeehäuser eintauchen kann, für euch, dass ich es mit euch teilen darf.
Susanne lebt im österreichischen Graz und schreibt ohne beruflichen Zweck, dafür mit viel Leidenschaft, „Leidenschaft an Sprache, an Worten, an geschriebenen Bildern.“

Wenn ihr mehr von Susanne Drothler lesen möchtet, schaut doch einmal auf ihrer Homepage vorbei! Oder folgt ihr bei twitter @SusanneDrothler

Nun geht es los, viel Spaß beim Lesen!

Parklücken im Milchschaum

Menschen und Gespräche im Kaffeehaus.

Menschen in Kaffeehäusern sind etwas ganz besonders Faszinierendes. Kaum jemand ist rein zufällig da. Alle suchen was zu finden. Ruhe, Zuflucht, Stärkung, Inspiration, Erholung, Energie …

Es gibt die Kommunikativen und die Schweigsamen. Die Zeitungsleser und die Netzsurfer. Die Großeltern und die Enkelkinder. Die Businessmenschen und die Tagträumer. Die Dichter und Denker.

Die faszinierendste Spezies im Kaffeehaus sind jedoch die geparkten Ehemänner. Ich nenne sie Ehemänner, auch wenn sie vielleicht formal nie diesen Schritt gesetzt haben. Auch ohne Formalität finden sie sich früher oder später in diesen Parklücken des Milchschaums wieder.

Und auch wenn es politisch völlig inkorrekt sein mag, so ist es doch immer wieder dieses bestimmte Szenario, das mich so besonders zu faszinieren vermag. Ein Mann, eine Frau und die Notwendigkeit etwas einzukaufen. Zumindest aus ihrer Sicht ist es notwendig. Aus seiner Sicht ist es etwas, dass nur durch eine James-Bond-taugliche Chakren-Folter übertroffen werden kann. Doch auch James Bond würde zustimmen, dass diese Qual durch ein gerüttelt Maß des Extraktes gerösteter Bohnen und mehr oder weniger qualitätsvoll bedrucktes Papier adäquat gemildert auf die Größe eines ganz kleinen Übelchens reduziert werden kann.

Ich bin immer hocherfreut, wenn ich Zeuge einer solchen Parkraumbewirtschaftung werden darf. Und manchmal ergeben sich da Kleinodien der koffeinhaltigen Beobachtungen.

Man stelle sich folgende Versuchsanordnung vor. Ein großes Einkaufszentrum während der Vorweihnachtszeit. Mittendrin eine Bäckerei mit zwei großen einladenden Tischen, wo man nebst frisch gebackenen Köstlichkeiten bei Cappuccino & Co innehalten und den Trubel an sich vorbeiziehen lassen kann.

Meine Aufmerksamkeit bleibt an einem Mann hängen, der hastend auf den Tisch zustrebt. Seine Brille fräst sich den Weg über meine Netzhaut in mein Gedächtnis. Es ist dieses Modell, das Michael Douglas in „Falling Down“ trug und das seither unmittelbar mit einer gewissen From der Manie untrennbar verbunden ist. Der Falling-Down-Mann setzt sich an den großen Tisch, fasst zielsicher nach einem Exemplar der »Kleinen Zeitung« und gibt seiner Frau Instruktionen, welche Art des Kaffees er zu sich nehmen möchte.

Während ich der Erinnerung an den Falling-Down-Mann nachhänge und nach den passenden Worten suche, um der Szene in allen Facetten gerecht zu werden, sehe ich mich um. Auch diese Erinnerungsfindung hat mich in ein Kaffeehaus geführt. Ein anderes Kaffeehaus. „Griesgasse. Kulturhauptstraße“ steht am Anfang der Gasse, gleich beim Südtiroler Platz. Es ist ein strahlend sonniger und dennoch klirrend kalter Nachmittag. Das Öffnen der Kaffeehaustür verströmt wohlige Wärme.

Das Café ist noch wenig gefüllt. Dunkle Holztische und kunterbunt zusammengewürfelte Stühle strahlen kreative Gemütlichkeit aus. Vor mir am Tisch steht ein orangefarbener Blumentopf mit Heidekraut. Orange und Lila, eine Farbexplosion.

Die Barhocker am großen Tisch in der Mitte gefallen mir besonders gut. Die würden doch auch gut an unsere Küchentheke passen. Der Falling-Down-Mann rückt immer weiter in den Hinterkopf. Am Tisch rechts beim Fenster sitzen zwei junge Frauen, die laut und angeregt reden, mehr gegeneinander als miteinander.

Die Tasse des dritten Espresso steht mittlerweile leer vor mir und unvermittelt vermeldet mir mein Magen, dass er an diesem Tag noch keine Beschäftigung hatte. Am Abend wollen wir uns Lasagne machen. Oder aber wir verschieben die Lasagne. Mir ist nach diesen köstlichen, französischen Sardinen mit Olivenöl, Zitrone, frisch gemahlenem, schwarzen Pfeffer und ordentlich Tabasco. Der Kaffeeduft wird kurzfristig durch den Gedanken an den Rotwein im Weinkeller verdrängt. Eine kräftige Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot gewinnt kurzfristig gegen den Espresso und auch gegen den Falling-Down-Mann.

Meine Gedanken kehren vom Weinkeller wieder ins Kaffeehaus zurück. Der Mann am Nebentisch versucht mit galaktischer Hilfe des Smartphones seine Gesprächspartnerin von seinen Ideen zu überzeugen. Eine junge Frau nähert sich zielstrebig und anstelle einer Begrüßung erklärt sie, dass sie Theodor nicht dazu überreden konnte mitzukommen. Theodor ist ihr Hund. An dieser Stelle bedauere ich es zutiefst, dass ich bis dato noch nicht gelernt habe, die nativ steirische Sprache angemessen zu Papier zu bringen, ohne dass ihr die akustischen Besonderheiten abhanden kommen. Ich bewundere maßlos, wie Steirer es schaffen, jeden Vokal in nahezu jedem Wort mehrfach unterzubringen, ohne an diesem alphabetischen Auffahrunfall zu ersticken. Wie dem auch sei, Hund Theodor hat verweigert und sein Frauchen ordert energisch einen Caffè Latte, „aber bitte schon laktosefrei“. Der galaktische Berater befummelt nervös sein Bier und man merkt ihm an, dass er krampfhaft überlegt, wie er das Gespräch wieder an sich reißen könnte. Sein Smartphone ist ihm dabei keine Hilfe. Während die Laktosefreie einen ebensolchen Caffè Latte serviert bekommt, entdeckt sie am Handgelenk der anderen Frau ein neues Tattoo. Voll der Bewunderung für das Kunstwerk fragt sie, was das denn genau darstellen würde. Die folgende Antwort schafft es, dass der Falling-Down-Mann für diesen Nachmittag endgültig Pause hat. Die Tattooverziehrte erklärt nämlich voller Stolz, dass es sich dabei um das Abbild eines künstlichen Hüftgelenkes aus den Sechzigerjahren handelt. Leider kann ich das Tattoo nicht sehen, aber alleine die Beschreibung reicht aus, um bei mir einen lachkrampfbegleiteten Erstickungsanfall hervorzurufen. Diese beinahe lebensbedrohliche Situation kann ich gerade noch durch Umklammerung meines Bleistiftes verbunden mit sinnloser Wortaneinanderreihung im Notizbuch abwenden.

Der Gedanke an die französischen Sardinen mit einer Überdosis Tabasco drängt sich wieder auf. Ich packe Bleistift und schwarzes Notizbuch in meine Tasche und beschließe dem Falling-Down-Mann in seiner Milchschaum-Parklücke sehr bald eine neue Chance zu geben. Künstliche Hüftgelenke in Tattooform werden wohl nicht jeden Tag in Kaffeehäusern herumschwirren.

Ich freue mich jetzt schon auf einen Parkplatz in der ersten Reihe.

Copyright Susanne Drothler

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