Der Auftritt Ihrer Figur … Wie führen Sie Ihre Figur ein?

Heute bekommt ihr einen kurzen Einblick in die 5. Lektion meines E-Mail-Kurzgeschichten-Seminars:

S. 9ff: Der Auftritt Ihrer Figur …
Wie führen Sie Ihre Figur ein?

Sie wissen nun, wie Ihre Figur aussieht, welche Charaktereigenschaften sie hat und welche Wünsche und Sorgen sie hat. Sie haben eine genaue Vorstellung – doch was machen Sie nun mit den Informationen? Wie beschreiben Sie Ihre Figur? Ausführlich? Von Kopf bis Fuß? Nein, das ist der falsche Weg, denn das würde Ihren Leser garantiert langweilen – vor allein in einer Kurzgeschichte! Als Autor ist es nicht Ihre Aufgabe, Ihre Figur fotografisch festzuhalten. Vielmehr ist es sinnvoll, vor allem das Wesen Ihrer Figur darzustellen.

Wie können wir also charakterisieren?

Bei der „direkten Charakterisierung“ charakterisieren die anderen Figuren oder der Erzähler selbst eine Figur. Eine Figur kann direkt charakterisiert werden, indem der Erzähler oder eine andere Figur auf sie schaut und das Äußere beschreibt. Dabei geht er auf das Aussehen, auf die Kleidung, auf den Haarschnitt etc. ein. Der Erzähler oder die andere Figur kann nüchtern und sachlich das Aussehen betrachten, oder durch zusätzliche Informationen kommentieren. Aber wie gesagt, ausführlich müssen oder sollte die Beschreibung des Aussehens gar nicht sein.
Wesentlich interessanter ist es, wenn Sie Ihre Figur durch die Darstellung ihrer Handlungen  charakterisieren. Wie Ihre Figur in einer Situation handelt, wie sie auf andere reagiert, zeigt ganz deutlich, wer Ihre Figur ist. Beschreiben Sie Ihre Figur also nicht nur, sondern lassen Sie sie handeln! Lassen Sie sie in Aktion treten, geben Sie ihr etwas zu tun: kochen, essen, Auto fahren, Yoga machen – was auch immer passt. Ihre Figur sollte in Bewegung bleiben.

„Indirekt“ charakterisieren wir eine Figur durch ihre Gesprächsinhalte oder durch die Art, wie sie spricht. Der Leser muss sich die Wesenszüge der jeweiligen Charaktere selbst erschließen!
Dialoge sind hervorragende Hilfsmittel, um Figuren zu charakterisieren, und zwar durch

Satzmuster (z. B. knappe Sätze v. s. ausschweifende Sätze)
Wortschatz (z. B. Umgangssprache: soziale Unterschicht)
Dialekt
Lieblingswendungen
Zitate / Sprichwörter
Lieblingsthemen
Anteilnahme der Figur an Gesprächen

Also lassen Sie Ihre Figuren miteinander sprechen! Dialoge sind das Zaubermittel in einer Geschichte! Wenn Sie gute Dialoge schreiben, wird Ihre Geschichte besonders lesenswert sein. Denn Dialoge pushen Ihre Geschichte, Ihre Charaktere. Als Autor sollten Sie die Kunst des Dialogeschreibens deshalb verinnerlichen! Wie das geht, erfahren Sie in einem eigenen Kapitel.

Um natürlich sollten wir nicht vergessen: durch die Namensgebung (s. o.) lassen sich Figuren ebenfalls charakterisieren!

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Zitat: Elisabeth George über literarische Figuren

„Eine literarische Figur ohne innere Landschaft kann leicht stereotyp wirken oder sogar blass und farblos. Die innere Landschaft verleiht ihr menschliche Würde. Sie trägt auch zur Tiefe des Romans bei, weil ein Charakter umso lebendiger wirkt, je gründlicher man ihn erforscht.“

Elisatbeth George: Wort für Wort. Goldmann-Verlag, S. 57

In diesem Sinne: lernen Sie Ihre Figuren kennen!

Interview mit der Autorin Helen Endemann, Teil 1

© Brunnen Verlag

© Brunnen Verlag

Helen Endemann wurde 1970 in Frankfurt am Main geboren. Sie ist Mutter von drei Kindern, Frau eines evangelischen Pfarrers und Juristin bei der Deutschen Bahn. Das Schreiben hilft ihr, damit klarzukommen. Im Februar 2013 wurde ihr Roman „Operation Unsichtbar“ im Brunnen Verlag veröffentlicht.

Helen, worum geht es in deinem aktuellen Roman „Operation Unsichtbar“?

Der zwölfjährige Nikolas wird von einem Moment zum anderen unsichtbar. Für seine Eltern, Mitschüler, Lehrer hat er aufgehört zu existieren. Es ist so, als hätte es ihn nie gegeben. Es gibt nichts, was er tun kann, um auf sich aufmerksam zu machen. Nachdem er das akzeptiert hat, tut er das einzige, was ihm einfällt: Er macht weiter wie bisher. Er geht zur Schule und nach einiger Zeit merkt er, dass es dort noch mehr unsichtbare Kinder gibt. Er freundet sich mit Alice und der Musikkeller-Clique an und gemeinsam suchen sie nach einem Weg, wieder sichtbar zu werden.

Was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert?


Der Ursprung war die Idee einer „Parallelgesellschaft“ in der Schule, eine aus der Not geborene Gemeinschaft. Dann habe ich einen Vortrag über Mobbing in der Schule und vor allen die Methoden zur Bekämpfung des Mobbings gehört. Damit war die Idee rund. Die unsichtbaren Kinder haben gemeinsam, dass sie Mobbing-Opfer sind und dafür kämpfen, wieder gesehen und respektiert zu werden.

Wie lange hast du an deinem Roman gearbeitet – von der Idee bis zur Abgabe des Manuskripts? 
Ca. fünf Monate.

Wie gehst du beim Schreiben eines neuen Romans vor? 


Ich folge im Wesentlichen der Technik, die Elisabeth George in „Wort für Wort“ beschreibt. D. h., am Anfang muss der Kern einer Idee da sein. Bei „Operation Unsichtbar“ also diese Parallelgesellschaft/Notgemeinschaft der unsichtbaren Kinder. Dann entwickle ich einen groben Handlungsbogen, in diesem Fall anhand der „Heldenreise“. Da die Geschichte in der Schule spielt, habe ich außerdem das Schuljahr als Rahmen für die Handlung genommen. Die Ferien, Jahreszeiten, Feiertage geben Anlass für bestimmte Handlungselemente, wie z. B. die gemeinsame Weihnachtsfeier. Dann entwickle ich die Hauptpersonen. Alle, die eine gewisse Tiefe haben müssen, brauchen einen „Sprechzettel“, in dem sie mir mitteilen, wer sie sind, was sie antreibt. Danach überlege ich mir im Groben die einzelnen Szenen und schreibe ein Gerüst. Und dann kommt das eigentliche Schreiben.

Planst du deine Romane oder schreibst du einfach drauflos?


Bei meinem ersten Roman habe ich einfach so drauflos geschrieben. Irgendwie ging das auch. Aber dann habe ich so viel Zeit darauf verwendet, die Geschichte zu verbessern, weitere Handlungsstränge einzubinden, die Logik herzustellen, das war viel anstrengender, als ein geplantes Vorgehen.

Hier geht es weiter zu Teil 2 des Interviews, in dem Helen Endemann aus ihrer eigenen Schreibpraxis erzählt.