Erste-Hilfe-Maßnahme, um im Schreibfluss zu bleiben

Wenn Ihr innerer Kritiker Sie wieder einmal vom Schreiben abhält, indem er Ihren Schreibstil permanent abfällig kommentiert, sollten Sie ihn sofort unterbrechen. Der sogenannte „Gedankenstopp“ ist eine Methode aus der Verhaltenstherapie, die in den 1950er Jahren entwickelt wurde. Unerwünschte Gedanken werden dabei durch ein selbstbewusstes „Stopp“ unterbunden. Wer den „Gedankenstopp“ einmal verinnerlicht hat, verfügt über eine effektive Erste-Hilfe-Maßnahme, die dabei hilft, im Schreibfluss zu bleiben.

Beispiel:

Sie schreiben an einer schwierigen Szene für Ihren Roman. Vielleicht handelt es sich um die Abschiedsszene zwischen einem Mann und einer Frau, die Sie bereits seit Tagen aufgeschoben haben. Sie haben es geschafft, in die Szene einzusteigen und schreiben drauflos. Doch wie aus dem Nichts nehmen Sie plötzlich die Stimme Ihres inneren Kritikers wahr:

Innerer Kritiker: „Das ist romantischer Mist. Das ist ja peinlich … wenn das jemand liest! Was soll er von mir/dir denken? So kann man das doch nicht schreiben!“

Wenn Sie diese negative Aussage nun nicht sofort stoppen, folgen weitere unerwünschte Kommentare. Nach und nach werden Sie sich unsicherer fühlen, bis Sie schließlich „den Stift aus der Hand“ legen, um das Schreiben dieser Szene erneut zu verschieben.

Damit Sie weiterhin im Schreibfluss bleiben, wenden Sie also die Methode des Gedankenstopps an und sagen Sie unverzüglich, in Gedanken oder laut, „Stopp“:

Sie: Stopp!

Geübte Anwender dieser Methode werden danach weiter an ihrem Schreibprojekt arbeiten können. Für Anfänger hat es sich bewährt, sofort nach dem Stopp-Sagen, etwas Positives hervorzuheben. Somit fallen Sie dem inneren Kritiker ins Wort, bevor er Sie erneut mit seinen geringschätzigen Kommentaren anfängt. Sagen Sie beispielsweise, dass Sie Ihren Text schon gut gelungen finden würden und er ohnehin später überarbeitet würde. Viel Erfolg!

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Die Werkzeuge des Autors: der innere Monolog

Im Gegensatz zum Bewusstseinsstrom spricht sich eine Figur im inneren Monolog selbst an; einen Gesprächspartner gibt es nicht. Die Selbstansprache findet in der Regel gedanklich statt, kann aber durchaus auch laut geschehen. Häufig stellt sich eine Figur im inneren Monolog Fragen, macht sich Vorwürfe oder schmiedet Pläne. Dabei wird sie nicht von einer dritten Person oder dem Erzähler unterbrochen. Der Leser hat das Gefühl, direkt an der Gedankenwelt der Figur teilzuhaben.

Wann kann der innere Monolog eingesetzt werden?

Der innere Monolog hat sich in Konflikt- und Entscheidungssituationen bewährt. Es kann beispielsweise darum gehen, Probleme zu analysieren oder Entscheidungen abzuwägen.

Was muss ich beim beim inneren Monolog beachten?

  • Der innere Monolog beginnt unmittelbar und wird nicht durch „sagte er zu sich“ oder „dachte sie“ eingeleitet.
  • Gedankensprünge sind in einem inneren Monolog erlaubt, jedoch werden sie nicht so extrem genutzt wie bei der Methode des Bewusstseinsstroms.
  • Der innere Monolog wird im Präsens verfasst.

Beispiel: Arthur Schnitzlers „Leutnant Gustl“

Ein Beispiel für einen gelungenen inneren Monolog ist der Anfang der Erzählung „Leutnant Gustl“ (Arthur Schnitzler, 1901):

„Wie lang‘ wird denn das noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen … schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht’s denn? Wenn’s einer sieht, so passt er gerade so wenig auf wie ich, und vor dem brauch‘ ich mich nicht zu genieren … Erst viertel auf zehn? … Mir kommt’s vor, ich sitz‘ schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin’s halt nicht gewohnt … Was ist es denn eigentlich? Ich muss das Programm anschauen … Ja, richtig: Oratorium! Ich hab‘ gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche! Die Kirche hat auch das Gute, dass man jeden Augenblick fortgehen kann …“

Die Werkzeuge des Autors: der Bewusstseinsstrom

BildEin guter Text lebt davon, nicht nur das Sichtbare für den Leser sichtbar zu machen, sondern ihn gleichermaßen an der Innenwelt seiner Figur teilhaben zu lassen. Dadurch wird eine Geschichte glaubwürdiger und spannender.

Die Innenwelt einer Figur lässt sich mit Hilfe des inneren Monologs und des Bewusstseinsstroms erzählen. In manchen Schreibratgebern werden diese Begriffe synonym verwendet. Doch üblicherweise werden sie voneinander abgegrenzt:

Empfindungen, Wahrnehmungen, Reflexionen in Fragmenten

Inhaltlich lässt sich der Bewusstseinsstrom (auch „stream of consciousness“) vom inneren Monolog dadurch abgrenzen, dass beim Erstgenannten assoziativ verknüpfte Bewusstseinsinhalte aufeinanderfolgen und dabei „Empfindungen, Ressentiments, Erinnerungen, sich überlagernde Reflexionen, Wahrnehmungen und subjektive Reaktionen auf Umwelteindrücke ungeschieden durcheinander gleiten“ (vgl. Metzler Literatur Lexikon, 1990, 2. Auflage, S. 446).

Die Figur teilt ihre Wahrnehmungen und Eindrücke, Empfindungen und Reflexionen in Form von Fragmenten und Gedankensprüngen mit. Typisch für einen Bewusstseinsstrom ist die fehlende Zeichensetzung. Lediglich Gedankenstriche werden als Hilfsmittel eingesetzt.

Der Erzähler der Story ist während des Bewusstseinsstroms übrigens nicht präsent, da  ausschließlich die Innensicht der Figur mitgeteilt wird. In der Entscheidung, ob die Gedankenströme der Figur in der Ich-Form geschrieben werden oder nicht, ist der Autor frei.

Nur sparsam einsetzen!

Die Methode des Bewusstseinsstroms sollte wohlüberlegt und sparsam eingesetzt werden. Es gibt Romane, in denen lange oder häufige Bewusstseinströme durchaus Sinn machen. Doch die Gefahr ist groß, dass ein Text zu monoton und der Leser damit gelangweilt wird, wenn der Autor unangemessen häufig mit dieser Methode arbeitet.

Der Bewusstseinsstrom – Paradedisziplin des James Joyce in Ulysses

Wer die Methode des Bewusstseinsstroms näher kennen lernen möchte, sollte sich mit dem letzten Kapitel von James Joyce‘ Werk Ulysses beschäftigen. James Joyce ist der wohl bekannteste Autor, der mit Hilfe des Bewusstseinsstroms Molly Blooms Innenwelt auf eindrucksvolle Art und Weise vorgeführt hat.

Beispiel aus dem Ulysses (S. 941, Frankfurt 1991): 
„… wenn er mal Nasenbluten hat könnte man glatt denken die Welt geht unter und die Jammermiene an der South Circular wie er sich den Fuß verstaucht hatte auf dem Chorausflug zum Sugarloaf Mountain an dem Tag wo ich das Kleid anhatte Miss Stack brachte ihm Blumen die schlechtesten und ältesten die sie bloß auftreiben konnte die würde werweißwas anstellen um bei einem Mann ins Schlafzimmer zu kommen die mit ihrer Altjungfernstimme …“