Kennt ihr die Phasen des Schreibprozesses?

Ein zentraler Punkt, den ich mit meinen Klienten in meiner Schreibcoachingpraxis immer wieder anspreche, ist der Schreibprozess. Schreiben ist ein Prozess, dem viele Autorinnen und Autoren auf natürliche Weise folgen. Doch manchmal entstehen vor oder während des Schreibens Hemmungen oder Blockaden, die das Schreibprojekt gefährden: man sitzt vor dem leeren Blatt und weiß nicht, wo man beginnen soll. Der Kopf schwirrt vor Ideen, aber sie lassen sich nicht umsetzen. Solche und andere Reibungsverluste entstehen oft, wenn jemand nicht weiß, dass ein Schreibprozess aus unterschiedlichen Phasen besteht und wie man mit diesen umgeht.
Wenn ihr euch dagegen über die Phasen und den Ablauf eures Schreibprozesses bewusst seid, gelingt es euch leichter, einen konstanten Schreibfluss aufrechtzuerhalten und müheloser zu schreiben.

Die Schreibphasen im Schreibprozess

In der Schreibforschung gibt es verschiedene Modelle, die sich mit der Prozesshaftigkeit des Schreibens beschäftigen. Die drei idealtypischen Hauptphasen in vielen Modellen orientieren sich an dem Prozessmodell von Hayes und Flower: das Planen, das Formulieren und die Überarbeitung eines Textes. Je nach Umfang und Thema des Schreibprojekts müssen zwischen diesen Phasen weitere Teilschritte berücksichtigt werden, wie beispielsweise in dem folgenden Schreibprozessmodell:

Einstimmung
Ideensammlung
Gliederung
Rohtextphase
Reflexion des Textes und Feedback einholen
Revision (Überarbeitung)
Fertiger Text/Abgabe/Veröffentlichung

Die Phasen des Schreibprozesses sind weitgehend voneinander abhängig: Ohne Phase 4 ist eine Phase 6 beispielsweise nicht möglich. Dennoch handelt es sich nicht um einen linearen Prozess. Stellen Sie sich den Schreibprozess eher vor wie ein Phasenhopping: Optimalerweise stimmt man sich vor jedem Schreiben auf den Text ein, man sammelt während des gesamten Schreibprozesses mehrfach Ideen, verwirft Gliederungen und schreibt sie neu etc.

Beispiel: Wenn wir in der Rohtextphase feststellen, dass uns noch Informationen fehlen oder dass eine Figur nicht ins Gesamtkonzept passt, müssen wir zurückgehen und neue Ideen sammeln bzw. neu strukturieren. Diese Änderungen im Text, dieses Zurückgehen sollte ein Autor nicht vermeiden, denn in der abschließenden Überarbeitungsphase profitiert er von dieser Vorarbeit.

Was passiert nun in den einzelnen Phasen?

Einstimmung
Der Übergang aus dem Alltag zum Schreiben fällt oft nicht leicht. Um einen leichteren Übergang zu schaffen, sollte man sich mental auf das Schreiben einstimmen. Ein Freewriting ist ein idealer Einstieg in den Schreibprozess. Aber auch kreative Schreibanregungen können hilfreich sein.

Ideensammlung
Wenn wir gerade erst mit einem Text begonnen haben, folgt nun die Ideensammlung. Worüber möchten wir schreiben? Hier dürfen die Ideen aus uns herausfließen! Alle, ohne Zensur!

Gliederung
Als nächstes wird eine grobe Gliederung des zu schreibenden Textes erstellt, entweder im Kopf oder schriftlich. Bei einer Kurzgeschichte kann diese Phase so aussehen, dass wir die Handlung und die Figuren skizzieren. Bei einem Artikel gliedern wir die Hauptaussagen des Textes.

Rohtextphase
Anschließend beginnen wir mit dem Schreiben eines „Rohtextes“, die Erstfassung unseres Textes. Ihr schreibt einen R O H T E X T – merkt euch das während des Schreibens! Bitte vergesst nicht, dass ihr zunächst an einem vollkommen ungeschliffenen Text schreiben dürft und sollt!

Warum ist das wichtig? Unerfahrene Autoren haben die Angewohnheit, ihre Texte während des Schreibens zu verbessern. Sie lesen permanent zurück und korrigieren während der Rohtextphase. Der letzte Satz gefällt nicht: er wird gelöscht. Das Wort wurde schon einmal verwendet: ein Synonym wird gesucht. Und zwar sofort! Dieses Vorgehen ist jedoch ineffektiv:

1.) Wir stören mit diesem ständigen Korrekturimpuls während des Schreibens den Schreibfluss.

2.) So mancher schenkt seinem Text in der eigentlichen Überarbeitungsphase kaum oder keine Aufmerksamkeit, weil er ja schon während des Schreibens korrigiert hat. Ein fataler Fehler, der zulasten der Qualität geht.

Wir schreiben in der Rohtextphase also an einem rohen Text. Er darf Wortwiederholungen haben, schlechte Formulierungen – was auch immer. Natürlich werden wir dabei Fehler machen, nicht sehr strukturiert schreiben, vielleicht nicht wissen, wie das Wort XY geschrieben wird. Druckreif ist der Text nicht. Aber das ist ok. Denn genau darum geht es in der Rohtextphase: Sie nimmt uns als den Druck, von Anfang an einen perfekten Text verfassen zu wollen.

Reflexionsphase/Feedback einholen
Sobald wir das Gefühl haben, dass der Rohtext fertig ist, lassen wir ihn ein paar Tage liegen. Auf diese Weise gewinnen wir Abstand zu unserem Text.

Revisionsphase
Endlich! Jetzt darf korrigiert werden: Überflüssiges wird gestrichen, ganze Passagen neu geschrieben. Der amerikanische Autor William Zinsser nimmt an, dass die meisten Erstfassungen bis zu 50 Prozent gekürzt werden könnten, ohne dass Informationen verloren gehen. Wer Wert darauf legt, einen qualitativ hochwertigen Text zu schreiben, muss ihn oft mehrfach überarbeiten. Ich habe vor einiger Zeit von einer amerikanischen Autorin gelesen, die einzelne Textstellen über dreißig mal revidiert!

Wenn wir unsere (erste) Überarbeitung abgeschlossen haben zufrieden sind, können wir den Text noch einmal zurück in die Reflexionsphase schicken und ihn von einem Textleser (oder einem Lektor) lesen lassen. Dieser hat möglicherweise noch gute Anmerkungen, die in einer erneuten Überarbeitung aufgegriffen werden kann. Anschließend ist der Text fertig und kann veröffentlicht werden. 🙂

(Gekürzte Fassung des Artikels: Schreibtheorie: Leichter schreiben mit dem bewussten Schreibprozess aus der aktuellen QWERTZ, dem Mitgliedermagazin des BVjA)

P.S.: Ich biete wieder stilistische Lektorate an! Mehr Informationen findet ihr auf meiner Webseite.

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Texte überarbeiten – Mit Distanz zum Erfolg

Schreibprobleme können entstehen, wenn ein Autor die Schreib- mit der Korrekturphase im Schreibprozess zusammenfallen lässt: Wenn er während des Schreibens darin verfällt, seine Wörter oder Sätze immer wieder querzulesen und zu korrigieren, stört es den Schreibfluss – und stärkt seinen inneren Kritiker. Unerfahrene Autoren machen diesen Fehler sehr häufig und wundern sich, wenn ihre Motivation schwindet. Erfahrene Autoren dagegen schreiben ihre Erstfassung erst einmal runter und beginnen dann mit der schrittweisen Revision ihres Textes. Trennen Sie deshalb die Überarbeitungsphase von der Schreibphase!

Eine der wichtigsten Regeln im Überarbeitungsprozess ist, Distanz zum eigenen Text zu schaffen. Statt mitten im oder direkt nach dem Schreiben mit der inhaltlichen Korrektur zu beginnen, sollten Sie Ihren Text etwa drei bis fünf Tage liegenlassen. Sie erhalten emotionalen Abstand zu Ihrem Text und finden weder alles gut, noch alles schlecht, sondern sind wesentlich empfänglicher für tatsächliche Fehler und Disharmonien. Sie sind befreiter und können Figuren, Wörter, Sätze, ganze Szenen loslassen, die nicht mehr in Ihren Roman passen.

Perfekte Texte gibt es nicht!

Perfektion – Das Streben nach dem perfekten Text

Perfektionismus ist einer der häufigsten Gründe für Schreibblockaden. Egal ob im akademischen, beruflichen oder literarischen Schreiben – in meiner Beratungspraxis habe ich den ein oder anderen Perfektionisten kennengelernt. Das Problem: Die Perfektionisten unter den Schreibenden sind oft diejenigen, die für ihre Texte am längsten brauchen und/oder nie fertig werden. Diese Erfahrungen sind frustrierend und können auf Dauer zu Schreibproblemen bis hin zu -blockaden führen.

Sind Sie ein Perfektionist?

Nicht jeder ist sich darüber im Klaren, dass er perfektionistisch handelt. Wie ist es mit Ihnen? Beobachten Sie sich selbst und beantworten Sie die folgenden Fragen:

  • Haben Sie bei fast jedem Satz, den Sie schreiben, das Bedürfnis, ihn überarbeiten zu müssen?
  • Lesen Sie Ihr Geschriebenes unmittelbar nach dem Schreiben?
  • Suchen Sie während des Schreibens nach der perfekten Formulierung?
  • Fühlen Sie sich schlecht, wenn Sie Ihren Text nach der Überarbeitung erneut lesen?
  • Zögern Sie an manchen Tagen das Schreiben hinaus, weil Sie das Gefühl haben, noch nicht alles über ein bestimmtes Thema zu wissen?
  • Fühlen Sie sich während des Schreibens niedergeschlagen, weil sie Ihre Worte für einfach und belanglos halten?
  • Vergleichen Sie sich mit anderen Autoren?

Wenn Sie die meisten oder alle Fragen mit „Ja“ beantwortet haben, sind Sie vermutlich ein perfektionistischer Schreibender.

Stecken Sie Ihre Energie ins Schreiben!

Perfektionistisch veranlagte Menschen neigen zu einem grundlegenden Fehler beim Schreiben: sie haben den Anspruch, dass die Sätze, die sie schreiben, die Texte, die sie verfassen, schon in der ersten Fassung leserreif sind. Diese Schreibenden suchen während des Entstehungsprozesses ihres Textes nach der perfekten Formulierung, achten auf die Rechtschreibung, vermeiden Wiederholungen, suchen nach kreativen Metaphern und passenden Synonymen. Sieht Ihr Schreiballtag ähnlich aus? Ein Fehler!
Indem Sie Ihre Energie bereits während des Schreibens in die Formulierung und in die Verbesserung Ihrer Rechtschreibfehler stecken, hemmen Sie sich selbst und unterbrechen fortlaufend Ihren Schreibfluss.

Keine Erstfassung ist druckreif!

Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, sollten Sie sich eines bewusst machen: Ihr Text ist eine Erstfassung, ein ungeschliffener Diamant. Sie müssen ihn nicht sofort überarbeiten! Die Revision Ihres Textes erfolgt in einer späteren Phase Ihrer Textarbeit, nur Geduld!

Perfekte Texte? Gibt es nicht!

Vergegenwärtigen Sie sich außerdem: Es gibt keine perfekten Texte! Es ist eine Illusion zu denken, dass irgendein Autor den perfekten Text schreiben könnte. Irgendwo auf der Welt wird es immer jemanden geben, der an Ihrem Text etwas auszusetzen hat. Schauen Sie sich erfolgreiche Autoren wie Charlotte Link, Steven King oder Henning Mankell an: diese werden nicht nur mit Lobeshymnen überschüttet. Diese Autoren verkaufen weltweit Millionen ihrer Bücher – und doch gibt es zahlreiche Rezensenten, die den wenig spannenden Plot kritisieren, die blassen Antagonisten oder den Schreibstil. Schauen Sie sich die Bewertungen in Online-Büchershops an! – Von den einen gelobt, von den anderen verrissen. Das ist der Alltag von Autoren.

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