„Ich habe zwei Wochen Tagebuch geschrieben – aus der Sicht des Mörders.“ – Interview mit der Autorin Barbara Steuten

_dsc8367Hallo ihr Lieben,

heute darf ich euch in einem Interview Barbara Steuten vorstellen, deren Krimi-Debüt „Kati Küppers und der gefallene Kaplan“ in am 17. November im edition Oberkassel Verlag in Düsseldorf erscheint!

Wie ihr wisst, geht es in meinen Interviews mit Autorinnen und Autoren (Kategorie: Wie schreiben andere?) immer um die Frage, wie der Schreibprozess gestaltet wurde. Ebenso interessiert es mich, wie sie das Schreiben in den Alltag integrieren. Ich finde es furchtbar spannend, wie andere arbeiten, wie sie es schaffen, den normalen Familienalltag mit dem Schreiballtag zu vereinbaren. Denn daraus kann man selbst so viel mitnehmen! Und wie unterschiedlich die Ideen und Herangehensweisen sind! Das ist doch toll, oder?

Auch Barbara Steuten hat mir in dem folgenden Interview davon erzählt, wie sie bei ihrem Krimi vorgegangen ist, wie sie recherchiert hat und wie die Verlagssuche lief. Außerdem gibt sie Einblicke, wie sie ihre Protagonistin Kati Küppers entwickelt hat. Und natürlich fehlen auch keine Schreibtipps! Ich bin mir sicher, dass ihr nach dem Lesen des Interviews wie ich auch Lust habt, ihren Krimi „Kati Küppers und der gefallene Kaplan“ zu lesen. 🙂

Hier findet ihr Barbara Steuten übrigens im Internet: www.barbara-steuten.de. Schaut doch mal bei ihr rein – aber lest erst das Interview, in Ordnung? Danke! 🙂

Liebe Grüße,

Denise

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(c) Barbara Steuten

„Ich habe zwei Wochen Tagebuch geschrieben – aus der Sicht des Mörders.“ – Interview mit der Autorin Barbara Steuten

Barbara, seit wann schreibst du?

Ich habe schon als Kind gerne Geschichten und Berichte geschrieben. Als Jugendliche habe ich die Geduld meiner Freunde mit Gedichten strapaziert. Aber als freie Autorin schreibe ich seit 2010.

Du hast drei Kinder, wie alt sind sie? Ab wann war etwa der Zeitpunkt, als du als Mutter wieder mehr Zeit zum Schreiben hattest?

Die Älteste wird 20, studiert bereits und wohnt daher in Düsseldorf. Der Mittlere wird dieses Jahr 18 und der Jüngste ist 11 Jahre alt.
Den Zeitpunkt suche ich immer noch. Nein, im Ernst. Dass ich Schriftstellerin werden wollte, habe ich erst realisiert, als unser Jüngster bereits in den Kindergarten ging. Da hatte ich übrigens mehr und verlässlicher Zeit zum Schreiben, als später in der Schulzeit. Und Mutter bleibe ich mein Leben lang. Auch wenn ich jetzt keine Windeln mehr wechseln muss, ist es mir wichtig, bei Problemen in der Schule, an der Uni, mit den Freunden, im Sport … ansprechbar zu sein. Krank sind Kinder auch, wenn sie fast volljährig sind.

Am 17. November erscheint unter dem Titel „Kati Küppers und der gefallene Kaplan“ im edition oberkassel Verlag, Düsseldorf, dein Debüt-Roman. Worum geht es?

Im idyllischen Niederbroich, einem typischen (aber fiktiven) Dorf im Rheinland, düst die Küsterin Kati Küppers mit ihrem apfelsinenfarbenen Hollandrad zwischen Kirche und Kapelle hin und her und verwandelt das Pfarrzentrum auch schon mal in eine Disco für die Jugend. Hier ist die Welt noch in Ordnung, bis eines Tages der Kaplan die Kirchenkellertreppe hinunterstürzt und Kati Küppers plötzlich unter Mordverdacht steht. Mit der Unterstützung ihres Enkels und diverser Heiliger macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Mörder.

Wie ist die Idee zu deiner letzten Geschichte entstanden?

Elke Pistor (schreibt vor allem Eifel-Krimis) stellte uns im Seminar „Von Anfangen bis Zuspitzen – wie man plottet“ die Aufgabe, eine Figur zu beschreiben, die lange vor ihrem Wecker aufwacht … und so wurde Kati Küppers „geboren“.

Erzähl mir ein wenig von deiner Protagonistin Kathi Küppers. Wer ist sie und wie bist du vorgegangen, um sie zu entwickeln?

Kati Küppers hat den Spürsinn einer Miss Marple, den Humor eines Don Camillos und die Neugier einer Pippi Langstrumpf. Ursprünglich hieß sie Katharina, wurde schnell zu Käthe, was sie aber zu alt machte. Mittlerweile schreibt sie sich sogar ohne H. Ich habe sie, ihr Äußeres und ihr Handeln in verschiedenen Szenen beschrieben und diese Szenen drei Freundinnen vorgestellt. Die deckten schonungslos Widersprüche und Ungereimtheiten auf. Gemeinsam legten wir Verhaltensweisen fest, bis Kati Küppers die Ermittlerin war, die ich haben wollte. Als ich mir die Haare abschneiden ließ, musste sich Kati noch ein bisschen mehr verändern, damit keiner auf die Idee kommt, Figur und Autorin zu verwechseln oder irgendwelche autobiografischen Vermutungen anzustellen.

Kannst du beschreiben, wie du beim Planen deines letzten Romans vorgegangen bist? Planst du oder schreibst du deine Romane einfach drauflos?

Vom Kurzgeschichten- zum Roman-Schreiben war für mich ein großer Schritt. Denn die Kurzgeschichten schreibe ich aus dem Bauch heraus, aus einem Gefühl. Das funktioniert beim Roman nicht gut und beim Krimi kann ich es mir gar nicht mehr vorstellen.

Ich habe mir einen groben Plan gemacht: Wer ist der Mörder? Was ist sein Motiv? Am Ende muss Kati den Mörder überführen. Wie macht sie das? Dann habe ich zwei Wochen Tagebuch geschrieben aus der Sicht des Mörders – und mehr erfahren, als mir lieb war. Doch wusste ich jetzt, wie der Mörder tickt. Als nächstes hab ich mir das Opfer vorgeknöpft, allerdings nicht ganz so ausführlich wie den Mörder. Jetzt brauchte ich noch ein ganzes Dorf voller Verdächtiger und eine Polizei, die aber nicht tumb daher kommen sollte. Dabei entstanden automatisch Szenen in meinem Kopf, die ich unbedingt zu Papier bringen wollte. Das war der Moment, in dem ich vom Planen zum Schreiben wechselte. Den groben Plan im Kopf bzw. im Ordner, durfte ich meine Fantasien davon galoppieren lassen. Bis sie sich lahm gelaufen hatten. Dann kehrte ich zum Planen zurück.

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Dazu hängt in meinem Arbeitszimmer ein Whiteboard, auf dem ich beispielsweise Szene für Szene in Stichpunkten notiert habe. Ich habe geschoben und neu gegliedert und hatte doch den ganzen Roman im Blick.

Schließlich wanderte der Szenenplan in einen Ordner, in dem ich immer wieder nachschlagen konnte, wie es weitergehen sollte, wenn die Fantasie erlahmte. Ich hatte also eine Reiseroute für meinen Krimi.

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(c) Barbara Steuten

Welche Vorteile hat das Planen für dich?

Das Planen hilft mir, mich nicht zu verrennen und nach 80 Seiten das Manuskript in die Ecke zu pfeffern, weil ich in einer Sackgasse stecke.

Und das Nicht-Planen?

Das Drauf-los-schreiben entfesselt die Kreativität in mir und wenn es läuft, schwebe ich in anderen Sphären. Aus Spaß an der Freud verlasse ich dann schon mal die geplante Reiseroute und klettere den Berg hoch, um die Aussicht zu genießen, oder raste im Schatten eines Baumes und schaue den Bienen bei der Arbeit zu. Dabei muss die Szene jedoch einen Sinn haben: sie zeigt die Figur bei einer Tätigkeit, lässt den Leser tiefer in die Atmosphäre eintauchen oder führt direkt zum nächsten Konflikt.

Kannst du den Lesern einen Einblick in deinen Rechercheprozess geben? Recherchierst du vor oder während des Schreibens?

Der Rechercheprozess ist bei mir nie abgeschlossen. Da stehe ich mir mit meinem Perfektionismus leider manchmal selber im Wege. Ich hatte bei meinem Krimi von Anfang an die Idee, dass der Messwein vergiftet sein sollte. Doch womit? Darüber habe ich mich mit der Apothekerin aus meiner Gemeinde beraten – bei der Organisation des Weihnachtsbasars. Allerdings führte das dazu, dass der ein oder andere Bedenken hatte, an meinem Stand Plätzchen zu kaufen.

Außerdem findet sich in meinem Bücherregal neben Schreibratgebern auch Bücher über Polizeiarbeit, Verhörtechniken und Psychologische Abhandlungen. Wenn mir beim Schreiben nicht klar ist, wie etwas funktioniert, schlage ich dort nach. Bringt mich das nicht weiter, suche ich mir einen Experten.

Manche Rechercheergebnisse muss man aber auch wieder streichen. Ich weiß zwar, dass Kriminaltechniker die Spuren am Tatort sichern, aber ich nenne sie weiterhin „Spurensicherung“ oder „Spusi“. Das ist dem Krimileser vertraut.

Wann schreibst du? Zu welchen Tageszeiten? Täglich? Wöchentlich? Wie viele Stunden?

Während des Roman-Projektes habe ich täglich geschrieben. Vorzugsweise morgens, wenn alle aus dem Haus waren. Das Schreibprogramm Papyrus Autor, mit dem ich gearbeitet habe, zeigte mir jeden Tag an, ob ich mein bewusst niedrig gehaltenes Soll erfüllt hatte und wie viel Zeit mir bis zur Fertigstellung blieb.

Hast du mentale Unterstützung während des Schreibens? Von wem?

Ich habe einigen guten Freundinnen und Kollegen von meinem Roman-Projekt erzählt und sie sogar gebeten, mich ab und zu nach den Fortschritten zu fragen. Das hat mir geholfen, selber das Projekt ernst zu nehmen und dran zu bleiben. Die Gefahr ist groß, dass Wäscheberge, dreckiges Geschirr und dringende Termine die Zeit zum Schreiben auffressen. Aber wenn ab und zu mal jemand anruft und nachhakt, muss ich mich rechtfertigen, warum ich lieber Wäsche falte als schreibe.

Kennst du von dir Schreibblockaden? Wie gehst du vor, wenn du eine Blockade hast? Hast du Strategien entwickelt?

Ich nenne es nicht gerne Blockade, vielleicht, weil sie mir dann zu mächtig erscheint. Aber es gibt durchaus Zeiten, in denen ich nicht schreiben kann. Anfangs lag es daran, dass ich mich selbst unter Druck gesetzt und von meinen Rohtexten bereits literarische Brillanz erwartet habe. Mittlerweile bin ich gelassener und weiß, wie man überarbeitet bis es glänzt.

Aber es gibt auch Momente im Leben, in denen ich mir zugestehe, nicht zu schreiben. Seit November habe ich bewusst so viel Zeit wie möglich mit der weltallerbesten Schwiegermutter verbracht, weil sich der Krebs mehr Raum verschaffte, als ihm zustand. Als sie im Frühjahr starb, brauchte ich Zeit zum Trauern und Kraft, die Familie zusammenzuhalten. Ich habe in dieser Zeit viel gelesen und bin ganz bewusst zur Leipziger Buchmesse oder zum Nürnberger Autorentreffen gefahren, um mich mit KollegInnen und Verlegern auszutauschen, in der Hoffnung, die Freude am Schreiben wiederzufinden. Es hat funktioniert. Auch wenn ich noch nicht, wie ursprünglich geplant, mitten im nächsten Roman-Projekt stecke.

Wie lief die Verlagssuche? Wie viele Verlage hast du angeschrieben?

Ich habe mir im Vorfeld lange Gedanken gemacht, ob ich mein Manuskript in einem großen Verlag unterbringen will. Doch als unbekannte Autorin habe ich mich schließlich für einen kleinen Verlag aus Düsseldorf entschieden. Zum einen passt mein Krimi gut in sein Programm und spielt in der Region. Zum anderen habe ich nach vielen Gesprächen mit KollegInnen auf mein Bauchgefühl gehört. Ich kenne den Verleger persönlich, stehe mit meinen Kurzgeschichten bereits in mehreren Anthologien, die die edition oberkassel herausgebracht hat und saß auch schon für Anthologie-Ausschreibungen des Verlages in der Jury. Ich habe ihn also gefragt, ob er an meinem Manuskript interessiert ist, es ihm geschickt und hatte keine vier Wochen später den Vertrag im Briefkasten.

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(C) Barbara Steuten

Wie ich weiß, besuchst du Schreibworkshops, um dich stetig zu verbessern. Welcher Schreibkurs hat dich besonders beeindruckt und warum?

Es sind sehr viele Kurse und Seminare, die alle ein Stück mein Schreiben beeinflusst haben. Ein ganz besonderer Kurs war das „Figurenensemble stellen“ mit Bestseller-Autorin Nina George. Diese tolle Schriftstellerin hautnah zu erleben war spannend. Die Arbeit mit ihr und den teilnehmenden Profi-Autoren (u. a. Jutta Profijt, Sabine Klewe und Martin Conrath) war für mich ein Glücksfall, der schließlich dazu führte, dass ich jetzt Krimis schreibe. Obwohl ich das nie wollte, weil es schon so viele tolle Krimi-AutorInnen gibt.

Bist du in Schriftstellerverbänden? Was bringt dir die Mitgliedschaft persönlich?

Ich bin im Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V. – kurz BVjA und habe darüber u.a. meinen Verleger kennengelernt. Ich schätze am BVjA vor allem die hervorragende Lobbyarbeit, die der Vorstand mit viel Engagement leistet. Der Fairlag-Vertrag trägt seine Handschrift. Er bietet tolle Seminare zu bezahlbaren Konditionen und trumpft mit Ideen wie dem Speed-Dating zwischen Autor und Verlag auf der Leipziger Buchmesse. Mit anderen Mitgliedern kommt man schnell in Kontakt, lernt sich kennen und schätzen. Denn wer heute nicht netzwerkt, hängt durch.

Hast du immer daran geglaubt, dass du es schaffen wirst, deine Bücher zu veröffentlichen?

Als ich 2010 mit dem Schreiben von Kurzgeschichten angefangen habe, habe ich nicht einmal geglaubt, dass ich überhaupt ein ganzes Buch selbst schreiben könnte. Deshalb habe ich mir 2012 einen Coach gesucht, der mich bei der Konzept-Erstellung meines ersten Roman-Projekts unterstützte. Rainer Wekwerth hat dies mit viel Lob, Wohlwollen und Charme getan. Dabei hat er mir das nötige Rüstzeug an die Hand gegeben, mit dem nach zwölf Schreibaufgaben ein Romankonzept stand, bei dem ich wusste, was in jedem Kapitel vorkommen soll und mich so von einem Kapitel zum anderen hangeln konnte. Dieses Gerüst lässt sich auf jedes neue Projekt anwenden.

Doch mit der Veröffentlichung ist die Arbeit eines Schriftstellers noch lange nicht getan. Heute muss man sich selbst um Lesungen kümmern und Ideen entwickeln, wie man auf angenehme Weise auf sein Buch aufmerksam machen kann.

Welche Tipps kannst du Schreibenden, die einen Vollzeitjob und/oder Kinder haben, mit auf den Weg geben kannst?

  • Nimm dir Zeit für eine Kosten-Nutzen-Aufstellung. Was bist du bereit zu investieren (Zeit, Nerven und Geld), um Autor zu werden? Worauf wirst du unter keinen Umständen verzichten?
  • Wenn du erst Schreiben kannst, wenn das Haus perfekt aufgeräumt ist, wenn die Kinder mit selbstgemachter Vollwertkost versorgt und bei den Hausaufgaben unterstützt worden sind, wenn das Abendbüffet für die Doppelkopfrunde hausgemacht ist … dann schreibe lieber Postkarten an deine Freunde aus dem Urlaub.
  • Wenn du weißt, dass du das Schreiben brauchst, um deinen Alltag zu meistern oder deine Gedanken zu sortieren, wirst du größere Anstrengungen auf dich nehmen, um Zeit dafür zu finden. Schicke das schlechte Gewissen in die Wüste, dass deine Kinder Fast-Food essen und ein paar Tage auf ihr Lieblings-T-Shirt warten müssen, weil du schreibst. Mache dir bewusst, dass das dein (zweiter) Beruf ist. Nimm ihn ernst. Dann schaffst du es auch, dich an Tagen zum Schreiben zu motivieren, an denen du nichts Brauchbares aufs Papier zu bekommen scheinst.
  • Ich habe bereits viele getroffen, die vom eigenen Buch träumen, aber nicht die Disziplin aufbringen, ihr Projekt konsequent durchzuziehen. Als Autor musst du dich immer wieder selbst motivieren und antreiben. Dennoch bleibt es ein Spagat zwischen leben und arbeiten.

Barbara, ich danke dir für dieses ausführliche, wunderbare Interview!

coverkatik01Wollt ihr noch mehr von Barbara Steuten wissen? Besucht sie auf ihrer Homepage: www.barbara-steuten.de oder besorgt euch den Krimi „Kati Küppers und der gefallene Kaplan“, der am 17. November im Handel erscheint.

Kennt ihr die Phasen des Schreibprozesses?

Ein zentraler Punkt, den ich mit meinen Klienten in meiner Schreibcoachingpraxis immer wieder anspreche, ist der Schreibprozess. Schreiben ist ein Prozess, dem viele Autorinnen und Autoren auf natürliche Weise folgen. Doch manchmal entstehen vor oder während des Schreibens Hemmungen oder Blockaden, die das Schreibprojekt gefährden: man sitzt vor dem leeren Blatt und weiß nicht, wo man beginnen soll. Der Kopf schwirrt vor Ideen, aber sie lassen sich nicht umsetzen. Solche und andere Reibungsverluste entstehen oft, wenn jemand nicht weiß, dass ein Schreibprozess aus unterschiedlichen Phasen besteht und wie man mit diesen umgeht.
Wenn ihr euch dagegen über die Phasen und den Ablauf eures Schreibprozesses bewusst seid, gelingt es euch leichter, einen konstanten Schreibfluss aufrechtzuerhalten und müheloser zu schreiben.

Die Schreibphasen im Schreibprozess

In der Schreibforschung gibt es verschiedene Modelle, die sich mit der Prozesshaftigkeit des Schreibens beschäftigen. Die drei idealtypischen Hauptphasen in vielen Modellen orientieren sich an dem Prozessmodell von Hayes und Flower: das Planen, das Formulieren und die Überarbeitung eines Textes. Je nach Umfang und Thema des Schreibprojekts müssen zwischen diesen Phasen weitere Teilschritte berücksichtigt werden, wie beispielsweise in dem folgenden Schreibprozessmodell:

Einstimmung
Ideensammlung
Gliederung
Rohtextphase
Reflexion des Textes und Feedback einholen
Revision (Überarbeitung)
Fertiger Text/Abgabe/Veröffentlichung

Die Phasen des Schreibprozesses sind weitgehend voneinander abhängig: Ohne Phase 4 ist eine Phase 6 beispielsweise nicht möglich. Dennoch handelt es sich nicht um einen linearen Prozess. Stellen Sie sich den Schreibprozess eher vor wie ein Phasenhopping: Optimalerweise stimmt man sich vor jedem Schreiben auf den Text ein, man sammelt während des gesamten Schreibprozesses mehrfach Ideen, verwirft Gliederungen und schreibt sie neu etc.

Beispiel: Wenn wir in der Rohtextphase feststellen, dass uns noch Informationen fehlen oder dass eine Figur nicht ins Gesamtkonzept passt, müssen wir zurückgehen und neue Ideen sammeln bzw. neu strukturieren. Diese Änderungen im Text, dieses Zurückgehen sollte ein Autor nicht vermeiden, denn in der abschließenden Überarbeitungsphase profitiert er von dieser Vorarbeit.

Was passiert nun in den einzelnen Phasen?

Einstimmung
Der Übergang aus dem Alltag zum Schreiben fällt oft nicht leicht. Um einen leichteren Übergang zu schaffen, sollte man sich mental auf das Schreiben einstimmen. Ein Freewriting ist ein idealer Einstieg in den Schreibprozess. Aber auch kreative Schreibanregungen können hilfreich sein.

Ideensammlung
Wenn wir gerade erst mit einem Text begonnen haben, folgt nun die Ideensammlung. Worüber möchten wir schreiben? Hier dürfen die Ideen aus uns herausfließen! Alle, ohne Zensur!

Gliederung
Als nächstes wird eine grobe Gliederung des zu schreibenden Textes erstellt, entweder im Kopf oder schriftlich. Bei einer Kurzgeschichte kann diese Phase so aussehen, dass wir die Handlung und die Figuren skizzieren. Bei einem Artikel gliedern wir die Hauptaussagen des Textes.

Rohtextphase
Anschließend beginnen wir mit dem Schreiben eines „Rohtextes“, die Erstfassung unseres Textes. Ihr schreibt einen R O H T E X T – merkt euch das während des Schreibens! Bitte vergesst nicht, dass ihr zunächst an einem vollkommen ungeschliffenen Text schreiben dürft und sollt!

Warum ist das wichtig? Unerfahrene Autoren haben die Angewohnheit, ihre Texte während des Schreibens zu verbessern. Sie lesen permanent zurück und korrigieren während der Rohtextphase. Der letzte Satz gefällt nicht: er wird gelöscht. Das Wort wurde schon einmal verwendet: ein Synonym wird gesucht. Und zwar sofort! Dieses Vorgehen ist jedoch ineffektiv:

1.) Wir stören mit diesem ständigen Korrekturimpuls während des Schreibens den Schreibfluss.

2.) So mancher schenkt seinem Text in der eigentlichen Überarbeitungsphase kaum oder keine Aufmerksamkeit, weil er ja schon während des Schreibens korrigiert hat. Ein fataler Fehler, der zulasten der Qualität geht.

Wir schreiben in der Rohtextphase also an einem rohen Text. Er darf Wortwiederholungen haben, schlechte Formulierungen – was auch immer. Natürlich werden wir dabei Fehler machen, nicht sehr strukturiert schreiben, vielleicht nicht wissen, wie das Wort XY geschrieben wird. Druckreif ist der Text nicht. Aber das ist ok. Denn genau darum geht es in der Rohtextphase: Sie nimmt uns als den Druck, von Anfang an einen perfekten Text verfassen zu wollen.

Reflexionsphase/Feedback einholen
Sobald wir das Gefühl haben, dass der Rohtext fertig ist, lassen wir ihn ein paar Tage liegen. Auf diese Weise gewinnen wir Abstand zu unserem Text.

Revisionsphase
Endlich! Jetzt darf korrigiert werden: Überflüssiges wird gestrichen, ganze Passagen neu geschrieben. Der amerikanische Autor William Zinsser nimmt an, dass die meisten Erstfassungen bis zu 50 Prozent gekürzt werden könnten, ohne dass Informationen verloren gehen. Wer Wert darauf legt, einen qualitativ hochwertigen Text zu schreiben, muss ihn oft mehrfach überarbeiten. Ich habe vor einiger Zeit von einer amerikanischen Autorin gelesen, die einzelne Textstellen über dreißig mal revidiert!

Wenn wir unsere (erste) Überarbeitung abgeschlossen haben zufrieden sind, können wir den Text noch einmal zurück in die Reflexionsphase schicken und ihn von einem Textleser (oder einem Lektor) lesen lassen. Dieser hat möglicherweise noch gute Anmerkungen, die in einer erneuten Überarbeitung aufgegriffen werden kann. Anschließend ist der Text fertig und kann veröffentlicht werden. 🙂

(Gekürzte Fassung des Artikels: Schreibtheorie: Leichter schreiben mit dem bewussten Schreibprozess aus der aktuellen QWERTZ, dem Mitgliedermagazin des BVjA)

P.S.: Ich biete wieder stilistische Lektorate an! Mehr Informationen findet ihr auf meiner Webseite.

Buchtipp – Gail Sher verbindet Yoga und Schreiben

Seit einigen Jahren beginne ich meine Tage mit einer frühmorgendlichen Yogasession. In dieser Stunde schalte ich ab, tanke Energien für den Tag. Ohne Yoga wären zumindest meine Wochentage unvollständig (am Wochenende sehe ich es nicht so eng ;-)). Meist übe ich die selben Asanas (so nennt man die Körperstellungen im Yoga), doch ich freue mich immer über neue Anregungen, die mich voranbringen und meinen Yogahorizont erweitern. Bei einer Recherche entdeckte ich vor einiger Zeit das Buch „Writing the Fire. Yoga and the Art of Making Your Words Come Alive“ von Gail Sher. Die amerikanische Psychotherapeutin, Dozentin, Autorin und Yoga-Praktizierende hat in ihrem Buch zwei ihrer (und meiner :-)) Leidenschaften zusammengebracht: Yoga und Schreiben.

Mit diesem Buch lässt sich der kreative Prozess, die Schreibpraxis neu beleben: Gail Sher ist überzeugt, dass Schreibende, die regelmäßig Yoga praktizieren, eine neue Form der Aufmerksamkeit/Wachsamkeit kultivieren. In gedankenanregenden Essays erläutert sie, wie Yoga und Schreiben zusammenpassen und welche Auswirkungen die Yogapraxis auf das Schreiben hat. Sie ist sich bewusst darüber, dass yogapraktizierende Autoren und Schriftsteller nicht automatisch Bestseller schreiben werden – dennoch glaubt sie, dass Yoga ein Weg ist, um zu mehr Klarheit, Präsenz und Inspiration im Schreibprozess zu gelangen. Asanas, die auf das eigene Schreiben unterstützend wirken, werden natürlich auch angesprochen: z. B. Uttanasana, die stehende Vorwärtsbeuge, die Körper und Geist in Einklang bringt; Tadasana, die Bergstellung, der Sonnegruß u. v. m.

„Writing the Fire“ ist sicher nicht für jeden Autoren/Schriftsteller, der nach Methoden sucht, um seinen Kreativitätsprozess anzuregen, geeignet. Doch insbesondere für spirituell und Yoga-Interessierte gibt es in dem einen oder anderen Kapitel Inspirationen für die eigene Schreib- und Yogapraxis.

Hinzufügen möchte ich allerdings, dass das Format und die Gestaltung des Buches nicht unbedingt zu einem Wohlfühl-Lesen einladen: Auch wenn ich mich über die Entdeckung dieses Buches gefreut und mir vorgenommen habe, es sofort zu lesen und auszuprobieren – als ich es in den Händen hielt, war ich aufgrund der unbebilderten, gräulichen Seiten und der leserunfreundlichen Schrift etwas ernüchtert. Es lag ein paar Wochen auf meinem Schreibtisch, bevor ich mich tatsächlich „überwunden“ habe, es zu lesen. Dennoch empfehle ich das Buch weiter, denn die Anregungen, welche Asanas sich positiv auf das Schreiben auswirken, finde ich durchaus gelungen: In meiner Schreibberatungspraxis und in meinen Seminaren rate ich meinen Teilnehmern oft, sich ein individuelles Ritual zum Einstieg in den Schreibprozess auszudenken – „Writing the Fire“ liefert Ideen dafür.

Gail Sher: Writing the Fire. Yoga and the Art of Making Your Words Yome Alive. New York: Bell Tower.

 

Texte überarbeiten – Mit Distanz zum Erfolg

Schreibprobleme können entstehen, wenn ein Autor die Schreib- mit der Korrekturphase im Schreibprozess zusammenfallen lässt: Wenn er während des Schreibens darin verfällt, seine Wörter oder Sätze immer wieder querzulesen und zu korrigieren, stört es den Schreibfluss – und stärkt seinen inneren Kritiker. Unerfahrene Autoren machen diesen Fehler sehr häufig und wundern sich, wenn ihre Motivation schwindet. Erfahrene Autoren dagegen schreiben ihre Erstfassung erst einmal runter und beginnen dann mit der schrittweisen Revision ihres Textes. Trennen Sie deshalb die Überarbeitungsphase von der Schreibphase!

Eine der wichtigsten Regeln im Überarbeitungsprozess ist, Distanz zum eigenen Text zu schaffen. Statt mitten im oder direkt nach dem Schreiben mit der inhaltlichen Korrektur zu beginnen, sollten Sie Ihren Text etwa drei bis fünf Tage liegenlassen. Sie erhalten emotionalen Abstand zu Ihrem Text und finden weder alles gut, noch alles schlecht, sondern sind wesentlich empfänglicher für tatsächliche Fehler und Disharmonien. Sie sind befreiter und können Figuren, Wörter, Sätze, ganze Szenen loslassen, die nicht mehr in Ihren Roman passen.